Dienstag, 25 Juli 2017
 
  • Francais
  • Greek
  • Deutsch
  • English
ULRIKE MARIE MEINHOF
Dokumentarfilm, 16mm, Farbe, 61 min - 1994

Prix Europa 1994
Fipa d'argent 1995
Best documentary, Montreal International Festival of New Cinema and New Media 1995

INPUT 1995, Best of INPUT 1996


Forum International du Jeune Cinéma au Festival de Berlin 1995


Festivals : Marseille, Lussas, Florence, Nyon, Belfort, New York, Cinémathèque Française...




ulricke_08.jpg


Zusammenfassung

Ulrike Marie Meinhof, 1970 Mitbegründerin der Roten Armee Fraktion, galt bis zu ihrem schaurigen Tod 1976 in der Gefängnisfestung Stuttgart-Stammheim als führende Theoretikerin der Gruppe. Die Nachwelt hat sie bis heute in die vereinfachenden Muster der "kommunistischen Staatsfeindin" oder der "Märtyrerin" gepresst. Das hier unternommene Filmporträt Ulrike Meinhofs stellt, ohne den historischen Kontext und die politische Perspektive zu vernachlässigen, den menschlichen Aspekt in den Vordergrund. Reise an die Schauplätze ihres Lebens, Begegnung und Dialog mit denen, die ihr Leben von der Jugend bis in die Jahre der Stadtguerilla geprägt haben, gräbt der Film nicht nur ein Stück vergangener deutscher Geschichte aus oder bezeichnet den Platz Ulrike Meinhofs in der Kollektiverinnerung; er bestimmt ihn neu.

 

 

director's note

Nordmeere, der Mond -rot- überm Watt, bei Ebbe, nachts. Der Liebe Gott bedroht das Kind in einem Schlaflied, es am nächsten Morgen nicht zu wecken, oder nur, wenn Er es will: "Der Tod ist ein Meister aus Deutschland..."
Osterfeuer in den Dünen vor dem Ferienhaus, heidnische Riten über die Zeiten gerettet, Blaubeeeren in Milch, der Wind über den riedgedeckten Dächern, in den Gärten, Spazierfahrten im alten Auto, Gräser, Heidekraut.
Die vom Wind geschlagene Insel. Windloch. Wellenschlag.
Später : "Wer sich nicht wehrt, stirbt. Wer nicht stirbt, wird lebendig begraben". Ulrike Marie Meinhof, Freudin meiner Eltern und Mutter meiner besten Freundin. Erinnerungen an meine Kindheit in Deutschland.

Die Geschichte wird von den Siegern geschrieben, das ist banal. Aber man ist nicht gezwungen, das so zu akzeptieren. In meinem Film Ulrike Marie Meinhof habe ich nicht versucht, eine Wahrheit zu finden, sondern "gewagt", um es mit den Worten Rilkes auszudrücken, "zu lesen durch den Schmerz und aus der Ferne"; ich habe versucht zu verstehen.

Timon Koulmasis

 

 

ulricke_3photos.jpg

 

 

"Angst ist reaktionär." Sagt Ulrike Meinhof und fügt aufricht hinzu, daß sie natürlich Angst habe. Aber Angst ist reaktionär. Mit vier verliert sie den Vater, mit vierzehn die Mutter. Sie wächst bei der Antifaschistin Renate Riemeck auf und die spätere Verfechterin des bewaffneten Kampfes ist zunächst überzeugte Pazifistin. Die Fülle von Widersprüchen, die in ihrer Person zu finden sind, wird in dem Film von Timon Koulmasis, einem Jugendfreund der Meinhof-Töchter, allmählich wie in einem Puzzle sichtbar. Ulrike Meinhof ist der Öffentlichkeit vor allem als spröde und virtuose Demagigin im Gedächtnis, als Vordenkerin der Baader-Meinhof Gruppe, als Terroristin und als Frau, die ihre Kinder verriet. Dieser Film differenziert das Bild wesentlich. Über Photos, Familienfilme und Interviews mit Freunden, Bekannten, Mit-"Terroristen" und Klaus Rainer Röhl, mit dem sie sieben Jahre verheiratet war, bekommen wir die private Meinhof vor Augen – ohne daß der politische Kontext verlorenginge.

Wegbegleiter … betonen, daß sie vor allem eine emphatische, gefühlvolle Person war. Filmausschnitte von ihr zeigen eine Mischung aus Leidenschaft, Kontrolle und Rigorosität – eine Mischung, die viele große Persönlichkeiten kennzeichnet und für den Menschen selbst gefährlich sein kann.

Koulmasis' Film ist Analyse und Requiem zugleich. Er beschreibt nicht nur die Persönlichkeit Meinhofs. sondern wird zu einem sensiblen Porträt Nachkriegsdeutschlands. Er zeigt Ulrike Meinhof als Opfer der kollektiven Neurose ihres Landes, das seine gewalsame Vergangenheit gewaltsam verdrängt und die neuen Verhältnisse ebenso gewaltsam zu verteidigen entschlosssen war.

Der Tagesspiegel, Berlin, 18/2/1995




Der Film von Koulmasis ist in Farbe und Schwarzweiß gedreht und über weite Strecken mit klassischer Musik unterlegt: eine Elegie. Sie wird dem Einzelfall gerecht. Keine Elegie freilich kann das Rätsel lösen, warum es damals so viele solcher Einzelfälle gab.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1/3/1995



Heute liegt das "linke Pantheon" der Geschichte in Trümmern. … Mit frappierenden Unbefangenheit entwirt Timon Koulmasis seine kursorische Biographie einer unrettbaren Heldin der jüngeren deutschen Geschichte. Der Regisseur verfolgt den Werdegang Ulrike Meinhofs vom Studium in Münster und erste Kontakte mit der Friedensbewegung über die Jahre bei der Zeitschrift konkret bis hin zur Gründung der "Roten Armee Fraktion", der Inhaftierung und dem mutmaßlichen Selbstmord in Stuttgart-Stammheim. Der Film stützt sich vor allem auf bisher unbekanntes persönliches Material und Interviews mit Personen, die Meinhof mehr oder minder nahestanden, darunter der Verleger Kalus Wagenbach, die ehemalige RAF-Angehörige Astrid Proll und Klaus Rainer Röhl, Meinhofs Ehemann. Koulmasis, dessen Eltern mit Röhl und Meinhof befreundet waren, betont im Kommentar seine eigene Beziehung zur Familie von Meinhof, doch das Arrangement der Bilder und Zeugnisse wahrt Distanz. Die Montage hütet sich vor allzu sinnfälligen Effekten, das zeitgenössische Material – selbst die Aufnahmen der toten Ulrike Meinhof, des Gefängnisses, der Kaufhausbrände – hat, so wie es eingebracht wird, keinerlei reißerischen Wert.

Ulrike Marie Meinhof ist deshalb so etwas wie ein Versuch, hintern den Schlagzeilen einerseits, dem Bild von der revolutionären Märtyrerin andererseits ein Stück bundesrepublikanischer Sozialgeschichte sichtbar zu machen.

Frankfurter Rundschau, 18/2/1995

 

***



Das Geringste, was man über diesen Film, ein Werk der Wahrheit, das niemals in naives Mitleid umschlägt, sagen kann, ist, daß er gelungen ist.

Cahiers du Cinéma – 2/1995



Timon Koulmasis' ethischer Standpunkt, seine Weigerung aus seiner Position Profit zu schlagen, ist nicht nur eine Prinzipienfrage, es geht um Wahrheit: der Abstand, den er sich auferlegt, erlaubt ihm, sich mit Genauigkeit einem Menschen anzunähern, der von allen gekannt und eine Ikone ihrer Generation, von allen verkannt war und selbst für die, die ihr nahe standen, ein Rätsel geblieben ist. Ulrike Marie Meinhof ist ein Dokumentarfilm, der versucht zu verstehen, d.h. das genaue Gegenteil einer Reportage, die zu wissen vorgibt.

Frederic Strauss, Cahiers du Cinéma– 1/1995




Der Film schwingt zwischen Erinnerung (Super 8 Filme, Zeugnis von Freunden) und dem gesellschaftlichen Bild (Fernseharchive), gegen welches er sich wendet, hin und her. Der Regisseur bringt hinter dem blutigen Epos der Terroristin, den unbeugsamen Werdegang eines Menschen zum Vorschein.

Jacques Mandelbaum, La Tribune Juive 2/ 2/ 1995




Dieses intime Porträt zeigt, wie sehr das oberflächliche Bild, das ihre Epoche von ihr hat, von ihrer Person abweicht. Ulrike Meinhof war weder die blutrünstige Karikatur, die die Medien aus ihr gemacht haben, noch die Märtyrerin, die Aktivisten in ihr sehen. Timon Koulmasis' Film zeigt die Generation nach dem Krieg und die 68'ger Generation in einem neuen Licht.

Le Monde 26-27/2/1995




Indem er Ulrike Meinhof ihr Bild und ihre Stimme wiedergibt, gibt dieser Film ihr ihre Würde zurück.

Telerama, 25-2-1995




Dieser Film war einer der ganz großen Moment des Festivals. Ulrike Marie Meinhof von Timon Koulmasis hat das Publikum erschüttert, dem diese Frau nur durch das undifferenzierte Bild der Medien bekannt war, welches sich auf den Fanatismus und die Gewalt der Roten Armee Fraktion reduziert. Es entdeckte anhand von seltenen, überraschenden Dokumenten und empfindsamen, intelligenten Zeugnissen, eine begabte Journalistin, die mit Rosa Luxemburg verglichen wurde, eine geliebte Ehefrau, eine aufmerksame Mutter, eine Revolutionstheoretikerin, die innerlich zerrissener war, als es aussah.

Le monde diplomatique, janvier 95
DREI FRAGEN AN TIMON KOULMASIS

von Christophe Postic für Les Yeux de l'Ouie
aus dem Französischen übersetzt



Wie konstruiert ihr Kino Alterität ?

Alterität : eine Frage des Bildes, also eine Frage des Kinos par excellence. Ulrike Meinhof hatte ein einzigartiges Leben, dessen Widerschein lange in die Gegenwart reichte und dann in die Kollektiverinnerung einging. Die Nachwelt hat ihr Masken auf ihre wahre Identität gesetzt. Die vereinfachende der terroristischen Mördering und die idealisierte des Opfers (des Systems, ihres Ehemanns, ihre Weggefährten Baader und Ensslin, usw.). Um ihre Geschichte zu verstehen, mußte ich erst einmal diese Masken zerstören. Erst dann konnte ich das zwangsläufig komplexe Bild des Menschen konstruieren, der sie war, bevor sie zu einer öffentlichen Gestalt wurde. Mein Film gibt nicht vor zu wissen, er versucht nur Fragen mit größtmöglicher Genauigkeit zu stellen.



Warum wollten Sie diesen Film machen? Welches war ihre Motivation ?

Ich habe mich lange gesträubt, als mir ein befreundeter Produzent den Film angetragen hat. Wenn man so nah an einer Geschichte dran war – Ulrike Meinhof war eine enge Freundin meines Vaters und ich bin teilweise mit ihren Töchtern aufgewachsen -, stellt sich die Frage eher nach der Verantwortung als nach einer Motivation (sei sie psychologisch oder historisch oder einfach persönlich). Denn, auch wenn die Nähe es manchen Zeugen erleichtert hat zu berichten, zwang sie mich den richtigen Abstand (persönlich wie rein cinematographisch) zu finden, als ich begann, diese sowohl persönliche wie kollektive Erinnerung zu hinterfragen. Und das war schwierig. Es schien mir aber letztendlich machbar und deshalb habe ich mich entschlossen den Film zu drehen.


Wie ist der Film, vor allem in Deutschland, aufgenommen worden

Er hat ein Tabu gebrochen, es war der erste Mal in zwanzig Jahren, daß ein Dokumentarfilm dieses Thema so frei behandelt hat. Es gab einen Miniskandal auf der Berlinale 1995. Viele Protagonisten dieser Jahre, auf allen politischen Seiten, waren nicht bereit, die Masken fallen zu sehen, ihr festen Meinungen und ihr ruhiges Gewissen in Frage zu stellen. Seitdem ist der Film aber überall auf der Welt zu sehen gewesen.


ulricke_Klaus-Rohl.jpg
Klaus Rainer Röhl
Das heisst, wir weihten sie nach einigen Monaten ein in die Mysterien des Kommunismus, des illegalen Kommunismus, die Partei war ja verboten.
 
 





ulricke_Astrid-Proll.jpg
Astrid Proll
Also es ging ja auch damals um etwas wie den neuen Menschen finden, den Menschen, der eben in der Lage war, diesen Kampf zu führen und eben damit auch die Gesellschaft zu verändern, und auch bereit war, sich selbst zu verändern.
 


 

     
mit
  Astrid Proll, Klaus Wagenbach, Klaus Rainer Röhl,
    Peter Rühmkorf, Peter Coulmas, Freimut Duve,
    Monika et Jürgen Seifert, Ruth Walz
     
Buch und Regie
  Timon Koulmasis
Kamera
  Jacques Bouquin
Ton
  Albert Rupf
Schnitt
  Aurique Delannoy
Produzent
  Fabrice Puchault - Yves Billon
Produktion
  Les Films du Village, La Sept/ARTE, RTBF
    Lichtblick Filmproduktion, CNC, PROCIREP,
    Documentary - Média, Eurimages
©
  AIA FILMS

 

 

 

 
weiter >
Design by Video de Poche