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BEFORE THE NIGHT
Spielfilm, 35 mm, SW, 80 min - 2004



Internationale Filmfestivals Saloniki, Istanbul, La Rochelle, Barcelona



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Zusammenfassung


1989: Anne studiert altgriechische Dichtung und verliert sich in einer imaginären Welt. Ihr Freund Pierre, ein Fotograf, der in seinen Bildern den Zeitgeist fassen möchte, vernachlässigt sie. Sie verläßt ihn, als er einige Tage nach dem Fall der Mauer nach Berlin reist. Etwas liegt in der Luft. Und Anne würde gern nach Griechenland fahren, wo…

2003: Maria, eine junge Griechin, kehrt der Stadtguerilla ihren Rücken, wird aber in ihrem Land, das von einer anti-terroristischen Kollektivhysterie ergriffen ist, verfolgt. Sie wird verletzt von einer Fremdenführerin aufgenommen, die ihr Leben riskiert, um ihr zu helfen zu entkommen. Ihr Name ist Daphne…

1996:Einige Jahre zuvor stand Daphne, die nach Studienjahren in Deutschland nach Griechenland zurückgekehrt war, vor einer unerträglichen Entscheidung: sie mußte über Leben und Tod ihres Zwillingsbruders bestimmen, den Ärzte nach einem Unfall als Versuchsobjekt für angsteinflößende, wissenschaftliche Experimente mißbrauchen.

BEFORE THE NIGHT erzählt die Geschichte von drei Frauen, die an verschiedenen Orten und Zeiten leben. Ihnen ist es gemein, daß sie der Gesellschaft durch ihr Engagement (die Dichtung, die Politik und die Liebe) einen starken Widerstand entgegensetzen. Ihre Schicksale kreuzen sich auf überraschende Weise in einer modernen Großstadt und ihre Stimmen überlagern sich zum Schluß in einem Traum, der Ort und Zeit in einer bedrohlichen, aber poetischen Vision zu Beginn des neuen Jahrtausends aufhebt.




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Die Inszenierung strebt nach Schlichtheit, und das ist gerechtfertigt, denn der Film nähert sich etwas Wesentlichem an. Timon Koulmasis nutzt seine beträchtliche Erfahrung im Dokumentarfilmbereich und sein großes cinematografisches Können, um die politische Aktion in seiner Erzählung in einer poetischen Katharsis aufgehen zu lassen. Was braucht die Kunst sonst noch?

Im Zentrum des Drehbuchs steht die Frage des Terrorismus, weniger als konkrete historische Praxis als vielmehr als ethische und existentielle Lebenshaltung. Die Angst –und die Weigerung, sich ihr zu unterwerfen- führt zu zweischneidigen Entscheidungen und Handlungen, die früher oder später der Erinnerung standhalten müßen.

Drei Frauen, drei Geschichten, drei Leben zeichnen den Horizont dieses Filmes, der klarsichtig die Komplexität der Dinge wahrt und ohne sensationnelle Effekte auskommt. Die drei Frauengestalten verkörpern kein Prinzip, kein Stereotyp. Die Dinge, die ihnen geschehen, auch wenn sie bitter sind, rechtfertigen im Gegenteil ihren Wunsch nach einem anderen Leben, bevor alles verloren ist. Solange wir leben, müßen wir die Hoffnung nähren. Bevor es Nacht wird.

Die Schwarzweissbilder und die Musik sind ausserordentlich. Von den drei Darstellerinnen (Maria Kechaioglou, Maria Protopapa, Anne Leroy), sticht die erste hervor. Maria Kechaioglou beweist in BEFORE THE NIGHT, daß sie eine der seltenen, großen dramatischen Schauspielerinnen ist, die Griechenland zählt.

Dimitris Xaritos, ANTI - 18/11/2005


Ausschnitte aus einem der griechischen Presse gewährten Interview anläßlich des griechischen Kinostartes von BEFORE THE NIGHT am 10/11/2005


1994 haben Sie einen Film über Ulrike Meinhof gedreht. Zehn Jahre später zeigen sie BEFORE THE NIGHT, der Wege und Ethik des bewaffneten Kampfes in den Großstädten zum Thema hat, zu einem Zeitpunkt wo die Verhaftung der griechischen Terroristen des "17 November" noch in aller Munde ist. Warum jetzt schon? Sollte nicht erst die Zeit über diese Dinge urteilen?

Ich urteile nicht, ich stelle Fragen. Wie in meinen Dokumentarfilmen behaupte ich nicht zu wissen, ich versuche zu verstehen. Als Cineast kann ich dem Fernsehen nicht die Alleinherrschaft des Bildes zu einem Thema, das mich wie alle Bürger angeht, überlassen. BEFORE THE NIGHT hinterfragt die Reaktion der Gesellschaft auf das Phänomen des Terrorismus und übergeht die spektakulären Aspekte (Attentate, Verhaftungen usw.), die man uns bis zum Erbrechen vorgeführt hat. Insofern scheint mir BEFORE THE NIGHT ein diskreter, verantwortungsvoller Beitrag.

Ausserdem steht die Geschichte in einem globalen Kontext. Die zwei Schlüsseldaten sind der Fall der Mauer 1989, wo plötzlich die Hoffnung auf ein definitives Ende der totalitären Ideologien aufkam; und der 11. September 2001, der alles ändert, weil als Antwort auf einen barbarischen Anschlag einer kleinen Gruppe fanatischer Islamisten ein freiheitseinschränkender Diskurs fast überall zur dominierenden Idee wird.

Ich habe mir also eine Figur ausgedacht, Maria, die an den bewaffneten Kampf geglaubt hatte, ihren Irrtum aber frühzeitig erkannt hatte, um aus der Sache heraus zu kommen. Natürlich wird sie von ihrer Vergangenheit wieder eingeholt und muß fliehen, aber sie hat ihre Würde bewahrt. Und ihr wird von jemandem gefolfen, der sich anders als die meisten nicht von der allgemeinen Hysterie manipulieren läßt.

Aber der Terrorismus betrifft nur eine der drei Geschichten in BEFORE THE NIGHT, ein Film, der andere Probleme der gegenwärtigen Gesellschaft zum Thema nimmt, den wissenschaftlichen Fortschritt z.B., der sich unter Umständen gegen den Menschen wenden kann. Daphne, die zweite Figur des Filmes, wird so vor die tragische Frage gestellt, ob es Situationengibt, in denen das absolut gesetzte moralische Verbot des Tötens seinen Sinn verliert.

So gesehen ist mein Film, in dem keinerlei Gewalt im Bild vorkommt, von grosser Gewaltsamkeit. Die dritte Geschichte steht daher als Kontrapunkt. Sie ist rein poetisch und erzählt von der Liebe. Sie transzendiert die zwei anderen Geschichten.



Es gibt drei Hauptfiguren in ihrem Film. Anne, die liebt, wirft wie ein Phantom ihren Schatten über den Film. Maria ist von der Gesellschaft als eine Kriminelle geächtet, will aber leben, nicht nur überleben, frei werden. Daphne hat ein langweiliges Dasein, trägt aber das Geheimnis eines Mordes in sich. Was haben sie gemeinsam?

Ihre Einsamkeit in einer Gesellschaft, die die Menschen immer mehr vereinzelt. Ihre Reaktionen mögen verschieden sein, aber es ist ihnen gemein, daß sie Widerstand leisten, daß sie frei leben möchten, daß sie in ihrem tiefsten Inneren an die unveräusserliche Würde des Menschen glauben. Sie stellen die Gemeinplätze in Frage. Das Gesetz ist nicht gleichlautend mit Gerechtigkeit. Die drei jungen Frauen akzeptieren deshalb die Regeln nicht mehr und gehen bis ans Ende ihrer –schwierigen und schwerwiegenden- Entscheidungen. Und das ist heute selten geworden.



Es gibt ein Art "happy end", insofern Maria, die leben will, dem Tod entkommt. Schützt Daphne sie oder bestimmt sie ihr Schicksal?

Ich sehe kein "happy end". Daphne kann sich von ihrem Geheimnis nur befreien, indem sie in den Tod geht. Sie opfert sich für Maria, die zwar überlebt, aber verhaftet werden wird und Daphnes Tod bis ans Ende ihrer Tage tragen muss, ohne zu erfahren, warum ihre Freundein sie gerettet hat. Paradoxerweise tötet Maria, die während der Stadtguerilla niemanden umgebracht hat, jetzt unwillentlich.
Und Anne kann nur noch die "von der Kälte zerschlagenen Sonnen" beschwören, bevor auch sie verschwindet, buchstäblich im Bild "erlischt". Sie, die so sehr in Liebe leben wollte, bleibt allein.

BEFORE THE NIGHT ist trotzdem kein verzweifelter Film. Die Charaktere stellen sich wesentliche Fragen und schlagen sich gegen einen tatsächlich verzweifelnden Stand der Dinge. Aber sie schöpfen wenigstens das Leben voll aus.
Und vor allem ist ja auch nicht alles in der Geschichte. Der Film deckt Schönheit auf, vom ersten bis zum letzten Bild. Der eigentlich Widerstand beginnt da. Uns kann nur noch die Poesie –als Lebenshaltung- retten. Das klingt großspurig, aber ich glaube das wirklich.



Anne lebt in einer Großstadt, zu einer Zeit, wo der Wind der Veränderung immer stärker weht. Daphne bewegt sich in einem bescheidenen, provinziellen Milieu. Und Maria, die auf der Flucht ist, verliert sich in der Natur. Trotzdem umgeben sie die Töne und der Lärm der Zivilisation.

Der Film ist einerseits in Paris, Berlin, Athen und am Ufer des Meeres gedreht. Er folgt auch einer historischen Chronologie. Wir haben letzten Winter, also nach dem 11/9/2001 in Griechenland am Meer gedreht. Die Super 8 Bilder in Berlin habe ich tatsächlich 1989, kurz nach dem Fall der Mauer, aufgenommen. Die russischen Soldaten, die man etwas undeutlich wahrnimmt, das ist tatsächlich noch die Rote Armee in Ostberlin. Die unterschiedliche Körnung der Bilder verstärkt noch den Verlauf der Zeit im Film.
Andererseits gibt es das Kapitel "Die Stadt", genau in der Mitte des Filmes, wo auf poetische, nicht erzählerische Weise die drei Geschichten in einer großen Metropole, die weder Paris, noch Berlin oder Athen darstellt, zusammenfallen. Es ist die Stadt, die uns verfolgt, wo immer wir uns aufhalten mögen. Letztendlich befinden sich Daphne auf dem Land und Maria auf dem offenen Meer mitten in der Stadt, die uns immer bestimmt.

Der Tonschnitt hat insofern zentrale Bedeutung im Film. Häufig stellt er ein räumliches oder zeitliches "hors champ" (ausserhalb des Bildes) dar. Die Szene, wo Maria von den Zivilpolizisten zusammengeschlagen wird, findet im Film in der Vergangenheit statt und wird im Ton durch ein fast stilles, sehr radikales "hors champ" bedeutet. Oder in der Taverne ist das Geräusch des Regens lange, bevor er ins Bild kommt, präsent. Er "trägt" und bringt dann die Stimmen und die Musik mit sich. Der Ton kann auch Zeitebenen ausserhalb des Bildrahmens, der den Raum bezeichnet aber nicht unbeding abschliesst, bedeuten.



Es gibt auch soetwas wie "konstante" Bilder in Ihrem Film. Das Meer, die Sonne, die Wolken. Wollen sie damit sagen, daß das alles ist, was uns heute noch bleibt?

Nein, natürlich nicht. Das sind Momente des Einhaltens, manchmal der Beschwörung. Oder eine Erinnerung. An den Ursprung. Um wieder aufzubrechen. Weiter zu kommen. Sich dem Anderen zu zuwenden.



Ganz allgemein gefragt, wo stehen Sie im Kino?

Der argentinische Schriftsteller Ernesto Sabbato hat einmal gesagt, daß ein Werk, um gültig zu sein, ein wenig philosophisch, ein wenig poetisch und ein wenig terroristisch sein muß… Ich schäme mich eigentlich, ihn zu zitieren, denn ich habe nicht sein Talent, aber diese Definition der Kunst entzückt mich. Sie charakterisiert besser, als ich es könnte, was meiner Arbeit –sowohl in den Spielfilmen wie in den Dokumentationen- als Anspruch und Hoffnung unterliegt.






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mit
  Maria Kechaioglou, Maria Protopappa, Anne Leroy
    Sophia Michopoulou, Dimitris Xanthopoulos,
Kostas Antalopoulos, Jérôme Keen
     
Buch und Regie
  Timon Koulmasis
Produktionsleitung 
  Iro Siafliaki, Bonita Papastathi
Kamera
  Boris Breckoff
Ton
  Stefanos Euthymiou
Schnitt
  Aurique Delannoy
Musik
  Laurent Sellier
Produzent   Timon Koulmasis
Produktion 
  Aia Films
 
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